Gedenken zum 100. Geburtstag von Johannes Bobrowski

Johannes Bobrowski ist nicht alt geworden: Mit 48 Jahren starb der Dichter viel zu früh 1965. Wir veröffentlichen die Predigt von Pfarrerin Kathrin Oxen zum 100. Geburtstag Bobrowskis, gehalten am vergangenen Palmsonntag in der Christophoruskirche.

An fremden Wassern weinen – Predigt zum 100. Geburtstag Johannes Bobrowskis am 9. April 2017 in Berlin-Friedrichshagen, Pfarrerin Kathrin Oxen, Lutherstadt Wittenberg.

Ein Fluss mag keine Grenze sein. Die Boje in seiner Mitte soll ihn teilen, doch von rechts wie von links umströmt sie das gleiche Wasser. So eilig will es wieder zusammenkommen, dass die Boje sich neigen muss. Immer sieht sie wie mitgerissen aus. Ihrer Aufgabe, die Grenze zu markieren, kommt sie höchst halbherzig nach. Und so breit kann ein Fluss gar nicht sein, dass die andere Seite nicht noch zu sehen wäre, der Streifen Sand, die Büsche am Ufer, die Dächer der Häuser. Und siehst du einen Menschen dort stehen, musst du an dich halten, um nicht den Arm zu heben und ihm ein Zeichen zu geben. Denn das Wasser trüge uns doch von beiden Ufern aus in das gleiche Meer.

Kein Fluss mag eine Grenze sein. Es gibt weit weg von hier, im Osten, einen, der sich besonders schlecht dazu eignet. Die Memel hat nicht einmal eine ordentliche Mündung, an der hüben und drüben zu erkennen wäre. Sie bildet ein unübersichtliches Delta aus Inseln, kleinen und großen Nebenflüssen unter einem Himmel so hoch, wie es ihn nur im Osten gibt. Wenn du dort bist, an einem Sommertag mit hohen Wolken vielleicht, dann weißt du: Irgendwo muss hier das russische Gebiet um das ehemalige Königsberg beginnen. Und das ist eine wirklich ernsthafte Grenze, zwischen Europa und Russland. Aber es sieht so aus, als wollte dieser Fluss Zweifel säen daran, ob es überhaupt Grenzen geben muss. An den Ufern der Memel hat sich über Jahrhunderte alles vermischt, Deutsche, Polen, Russen, Litauer lebten dort, Grenzen wurden gezogen und wieder aufgehoben. „Von der Maas bis an die Memel“ – der Dichter dieser Zeile kannte diesen Fluss nicht und das Ungefähre der Grenze, die er bilden soll.

An diesem Fluss, der keine Grenze sein mag, wurde heute vor 100 Jahren Johannes Bobrowski geboren. Ein Frühlingstag und die Wiesen und Büsche am Fluss schon mit einem hellgrünen Schleier. Er wird bald wieder wegziehen von hier und doch immer hier bleiben. Jeden Sommer verbringt er am Fluss, alle Ferien. Seine Frau lernt er hier kennen. Was einem bleibt im Leben, die Kindheit, der Sommer, die erste Liebe, das alles verbindet sich für ihn mit dem stillen Fluss unter dem hohen Himmel.

Dann hat ihn der Strom der Zeit weggetragen aus diesem Land, für immer. Er ist in die Stromschnellen der Zeitläufte seiner Generation geraten, in der die Menschen geführt wurden, wohin sie nicht wollten. Gleich nach dem Abitur musste er zum Arbeitsdienst, dann in den Krieg und in die Kriegsgefangenschaft. Am Heiligen Abend 1949 erst gab es ein Wiedersehen mit seinen Eltern und seiner Frau hier in Friedrichshagen. Wie anders sollten sie das
begriffen haben als ein Wunder. Er hat alles überlebt. Er ist zurückgekommen. Aber er kann nicht wieder zurück an diesen Fluss. Nie wieder.

An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten. Unsere Harfen hängten wir an die Weiden im Lande. Denn dort hießen uns singen, die uns gefangen hielten, und in unserm Heulen fröhlich sein: „Singet uns ein Lied von Zion!“ Wie könnten wir des HERRN Lied singen in fremdem Lande? (Psalm 137)

Seine Harfe hängt er an die Weiden am Berliner Müggelsee, in die Ahornbäume der Allee. Dort lebt er jetzt und ist doch nicht zuhause. Er schreibt: „Wir haben auch hier, hinter dem Bahndamm, den Wiedehopf gehört und Specht und Kuckuck, das ist es nicht. Und dann gibt es den Fluss hier. Aber wenn du träumst: wie reden da die Leute, wie sehen die Wege aus, aus welchem Haus kommst du, in welches gehst du hinein? (…) Und die Wege? Der Weg geht über in die Wiese. Oder die Wiese hört auf. Oder geht über in einen Weg. Wie ist das genau? Es gibt keine Grenze.
Der Weg ist nicht zuende. Und die Wiese fängt nicht an. Das ist nicht ausdrückbar. Und ist der Ort, wo wir leben.“ (aus: Das Käuzchen)

An fremden Wassern musst du weinen. Und ob du nun in Babylon sitzt oder in Friedrichshagen, das tut nichts zur Sache. Eine „Kriegsverletzung“ hat Johannes Bobrowski sein Schreiben genannt. Er ist entkommen, äußerlich unverletzt und doch als ein Versehrter. Und nun schreibt in einer „Sprache, die verwundet beim Lesen“ (Herta Müller über Johannes Bobrowski).

Lies seine Gedichte, geh mit ihm zum Ufer der Memel, dorthin, wo er geboren wurde und sieh den Baum, den Vogel im Flug, den rötlichen Fels, wo der Strom zieht, grün, und den Fisch im weißen Rauch, wenn es dunkelt über die Wälder herab.

Immer zu benennen, so beginnt dieses Gedicht Bobrowskis. Er zeigt uns mit ihm, wie man leben kann an den fremden Wassern. Indem man eine Sprache für das Verlorene sucht und in der Sprache die Heimat findet.
Denn die Sprache geht mit. Sie bleibt einem. In Babylon haben sie es so gemacht, Gottes Volk hat es so gemacht, als
es geführt wurde, wohin es nicht wollte, in die Verbannung. An fremden Wassern saßen sie. Erst weinten sie. Und dann begannen sie, alles aufzuschreiben, ihre Sehnsucht nach Jerusalem, ihre Liebe, ihren Schmerz, auch den Zorn. Die Psalmen der Bibel finden die Sprache dafür. Immer zu benennen ist dies alles, wenn du weiterleben willst an den fremden Wassern.

So ist das Land jenseits des Flusses, der keine Grenze sein mag, von Johannes Bobrowski neu geschaffen und neu benannt worden: Sarmatien, das Schattenland Ströme. Der Dichter ist ein Schöpfer. Er ruft eine vergangene und entfernte Welt, eine andere Zeit zurück ins Leben, die Sarmatische Zeit. Und er ist in ihr zugleich wie der erste Mensch. Sein Auftrag ist das Benennen alles Lebendigen. So wie es die biblischen Geschichten von Adam erzählen. Der vertreibt sich die Zeit im Paradies damit, den Tieren ihre Namen zu geben. Auch jenseits von Eden bleibt das
Benennen die Arbeit des Menschen. Und so wird die Sprache zu seiner eigentlichen Heimat.

Zeichen, Farben, es ist ein Spiel, ich bin bedenklich, es möchte nicht enden gerecht.

Auch an den fremden Wassern immer noch der Klang der Heimat. Ich bin bedenklich / es möchte nicht enden gerecht. Bis in ihre Grammatik hinein bleibt die Sprache heimatlich. Wie leicht sind sie für mich daran zu erkennen, die Menschen aus der „kalten Heimat“, bei den Besuchen, die eine Pfarrerin so macht. Und mit welcher Sehnsucht, mit wie viel Liebe und Schmerz haben sie mir schon davon erzählt. Es endete nicht gerecht für so viele. Wer es geschafft hatte, konnte ja froh sein, überlebt zu haben. Und konnte nicht benennen, was gewesen war. Und durfte nicht einmal weinen an den fremden Wassern, manchmal ein Leben lang. Wer das weiß, vielleicht sogar selbst erfahren hat oder wer sich das auch nur einmal hat erzählen lassen, müsste doch behutsamer sein und freundlich mit all denen, die heute zu uns kommen und ihre Heimat woanders haben. Ich bin bedenklich / es möchte nicht enden gerecht. Auch heute nicht.

Ich denke an Johannes Bobrowski. Er hat sich geweigert, die Grenze anzuerkennen, die zwischen Westen und Osten gezogen wurde, eingeteilt zu werden als ein ostdeutscher oder eine westdeutscher Dichter. Wer in der Sprache zuhause ist, für den gibt es kein hüben und drüben. „Dann lern ich halt polnisch“ hat Johannes Bobrowski die Ansinnen abgewehrt, ihn als west- oder ostdeutschen Schriftsteller einzusortieren. Sein Schreiben mochte keine Grenzen, so wenig wie der Fluss, von dem er kam.

Und wer lehrt mich, was ich vergaß: der Steine Schlaf, den Schlaf der Vögel im Flug, der Bäume Schlaf, im Dunkel geht ihre Rede – ?

Für alle, die an fremden Wassern weinen müssen, hat Johannes Bobrowski das Verlorene benannt und in der Sprache wiedergefunden. Selbst wer noch nie an dem Fluss war, der keine Grenze sein mag, kann spüren, wie es
dort ist. Und wer einmal dort hinkommt, wird alles wiedererkennen. Aber es bleibt neben dem Verlorenen auch das Unbenennbare. Es ist im Schlaf, im Dunkel, in den Träumen, die du träumst, von Menschen, von Wegen und Häusern. Eine andere Seite von allem. Eine andere Wirklichkeit.

Auch danach hat Johannes Bobrowski gesucht. Er war Christ. Seine Familie hat sich im Dritten Reich zur Bekennenden Kirche gehalten. Er selbst verweigerte den Eintritt in die Partei, der ihm schon im Krieg die Fortsetzung seines Studiums ermöglicht hätte. Und später hat er sich hier in Friedrichshagen in der Kirchengemeinde engagiert. Neben dieser sichtbaren Seite seines Glaubens gab es auch eine andere, unbenennbare.
Die Erfahrungen seines Lebens werden ihn auch weggeführt haben aus einem Glauben, der einem Menschen immer nur Heimat ist.

Wär da ein Gott und im Fleisch, und könnte mich rufen, ich würd umhergehn, ich würd warten ein wenig.

Der Glaube an Gott ist eine Heimat. Aber er ist kein Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können. Das höre ich heraus aus diesen vorsichtigen Konjunktiven. Sie beschreiben den Zweifel ganz leise. Es könnte ja sein, dass Gott da ist, trotz allem. Und wenn es so wäre, dann würde er mich anreden.

Denn das Wort ist bei Gott und die Sprache und es wurde Fleisch und ein Mensch, von dem wir uns Geschichten erzählen bis auf den heutigen Tag. In der Sprache ist Gott zu finden. Nicht in der Sprache der Theologen, sondern in der Sprache der Dichter. Könnte es mit Gott sein wie es mit der Sprache ist? In den Gedichten Johannes Bobrowskis muss man umhergehen. Und ein wenig warten, bis sie sich einem öffnen.

Ich will es so machen. Ich möcht‘ umhergehen darin. Ich möcht‘ warten ein wenig. Bis ich ihn sehen kann, wie er da am Ufer steht, wo der Strom ruhig fließt, bei den Büschen in ihrem hellgrünen Schleier. Schon winkt er mir zu. Er gibt mir ein Zeichen.

Amen.