Gedenkveranstaltungen 9. November

Zahlreiche Veranstaltungen gedenken um den 9. November der „Reichspogromnacht“.

„Pogrom heißt Verwüstung“, so Dr. Andreas Goetze, „Gedenken heißt nicht vergessen, sich zu erinnern, um den Anfängen von Ausgrenzung und Diskriminierung zu wehren und sich mit dem Mitläufer in uns allen auseinandersetzen“. Dr. Goetze ist landeskirchlicher Pfarrer für den Interreligiösen Dialog im Berliner Missionswerk und hat eine Auswahl von Gedenkveranstaltungen zusammengestellt.

In der Nacht am 9. November 1938 und am 10. November 1938 brannten in den Städten Deutschlands die Synagogen, wurden jüdische Geschäfte zerstört und geplündert. Gedenken am 9. November – für eine bessere Zukunft

Der 9. November war für die Nationalsozialisten ein wichtiges Datum: Es war der Test der Nazis, ob die deutsche Bevölkerung etwas gegen die Barbarei zu unternehmen bereit war. Und die deutsche Bevölkerung hat den Test bestanden – sie hat sich sogar aktiv an den Zerstörungen und Plündereien beteiligt oder bestenfalls geschwiegen. Erst durften Juden nicht mehr am Strandbad Wannsee baden (Erlass vom 22. August 1933), gab es Berufsverbot für jüdische Musiker (31. März 1935) oder Wanderverbot für jüdische Jugendgruppen (10. Juli 1935). Schleichend war der Prozess des Wegschauens, jeder einzelne Erlass schien ja nicht so schlimm und betraf ja nur „die Anderen“. So war man „eingestimmt“ auf das, was kommen sollte – am 9. November 1938.

Eine Auswahl der zahlreichen Berlin-Veranstaltungen zum 9. November:

13 Uhr: Stadtspaziergang „Verweigerte Erinnerung“. Treffpunkt „Golßener Straße in Neukölln um 12.45 Uhr, Ende gegen 14.30 Uhr an der Martin-Luther-Kirche, Fuldaer Straße 50. (weiteres Veranstaltungsprogramm mit Ausstellungseröffnung „Menschen im Widerstand“ und einer Podiumsdiskussion zum Thema „Wider den Rechtspopulismus – aber wie?!

17 Uhr: Stolpersteinweg – Gedenken, Information und Musik an Stolpersteinen in Berlin-Mitte. Ein gemeinsames Gehen und Innehalten. Beginn in der Zionskirche (Zionskirchplatz), Ende gegen 19 Uhr an der Sophienkirche.

17.30 Uhr: Eröffnung der internationalen Freiluftinstallation GEGEN DAS VERGESSEN auf dem Gelände vor der Sophienkirche, Große Hamburger Straße, 10115 Berlin. Die Installation des Mannheimer Fotografen Luigi Toscano zeigt großformatige Porträts von Überlebenden der NS-Verfolgung aus Deutschland, Israel, USA, Ukraine und Russland. Die Überlebenden sind die Gesichter und Stimmen der Erinnerungskultur. Sie haben die Macht Menschen zu erreichen – unabhängig von Alter, Herkunft oder Bildung – und zu sensibilisieren für ausgrenzende Tendenzen heute. Protagonist Horst Sommerfeld, der von Berlin aus nach Auschwitz deportiert wurde, sagt über GEGEN DAS VERGESSEN: „Ich bin euch so dankbar, dass ihr euch dieser so wichtigen Sache verschrieben habt und mit Luigis Bildern gegen das Vergessen arbeitet. Von uns wird in nicht allzu langer Zeit keiner mehr davon sprechen können. Umso wichtiger ist es, junge Stimmen für uns zu haben.“

18 Uhr: Ökumenische Gedenk-Andacht in der St.-Laurentius-Stadtkirche Köpenick, Alt-Köpenick, im Anschluss gemeinsamen Gang zum Platz, an dem früher die Synagoge stand.

18 Uhr: Gedenken und Konzert. Beginn am Gedenkstein vor der Kirche für die verfolgten jüdischen Frohnauer Bürger. Gegen 18.30 Uhr: Konzert mit jüdischer Musik des 19. Jahrhunderts im Gemeindesaal: Es sind zum einen Psalmvertonungen von Johann Georg Herzog und synagogale Instrumentalmusik von Josef Löw, Moritz Deutsch und Louis Lewandowski. Es singt die Mezzosopranistin Anja Schumacher, das Harmonium spielt Jörg Walter. Eintritt frei.

18.30 Uhr: Konzert „Hymne an die Namen“ Kirche Zum Heilsbronnen, Heilbronner Straße 20, Berlin-Schöneberg. Konfirmand*innen und Jugendliche haben mit der Sängerin Kim Seligsohn die „Hymne an die Namen“ erarbeitet, ein konzertantes Gedenken an die Menschen, die in Schöneberg und besonders im Bayerischen Viertel deportiert und ermordet worden sind. Mit: Kim Seligsohn, Frank Schreiber, Sebastian Huck und Jugendlichen aus Schöneberg-Mitte.

18.30 bis 20.30 Uhr: „Haltung Zeigen“: Ein Abend im Zeichen der Erinnerung mit Musik, Texten und gemeinsamen Essen. Gestaltet von den Jungen Gemeinden aus Hohenschönhausen und Weißensee. Musik: Die Klezmerschicksen. Heinrich Grüber Zentrum, Am Berl 17, Berlin- Hohenschönhausen.

19 Uhr: Gottesdienst in der Martin-Luther-Kirche, Fuldastraße 50, Berlin-Neukölln, mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste: „Er kommt auch noch heute und lehret die Leute“. In der Böhmischen Reformation im 16. Jahrhundert erklangen zum Advent diese Hoffnungsverse. Hier sangen Menschen, die erfahren hatten, dass die Stärke ihres Glaubens widerständige Energie freigesetzt hatte. Jesu Lehre verhallte 1938 in unserer Kirche fast ungehört. Im Gottesdienst gedenken wir der Pogrome und hoffen auf Belehrung durch die Schrift. Die Welt soll nicht so bleiben wie sie ist. Und wir auch nicht.

19 UhrGedenkgottesdienst zur Pogromnacht mit Pfarrer Hans-Martin Brehm, Martin-Luther-Gedächtniskirche, Kaiserstraße/Rathausstraße, Berlin-Mariendorf.

19 bis 20 Uhr: Theaterstück „Der Mann, der den Arm hob – Erinnern und nicht vergessen – 9. November 1938“. Hochmeisterkirche Halensee, Westfälische Straße 70a, Berlin. Eintritt frei. Das Stück behandelt den schleichenden Verfall von Idealen und Werten durch Druck und Propaganda von Staat und Gesellschaft. In diesem Zusammenhang geht es auch um die Presse im Dritten Reich und die Art und Weise, wie sie manipuliert wurde. Dies wird am Beispiel von zwei Freunden gezeigt, die sich politisch und moralisch auseinander entwickeln. Die Musik wurde von Christian Möckel und Lars Dietrich erdacht. Es spielen Jugendliche aus dem Kirchenkreis Charlottenburg- Wilmersdorf.

19.30 Uhr: Sophienkirche, Große Hamburger Straße, „Wozu gedenken wir?“ – Über die Zukunft des Gedenkens. In Erinnerung an die dunklen Ereignisse der Pogromnacht laden wir am 9. November wieder Menschen aller Generationen in die Sophienkirche ein. Die Ausgrenzung und Diskriminierung der Juden im nationalsozialistischen Deutschland war eine Kette aus vielen kleinen Schritten, aus Benachteiligungen, aus Unrecht und schleichender Entmenschlichung, die am 9. November 1938 ihren ersten Höhepunkt erreichte. „Wozu gedenken wir?“. Unter diesem Motto rücken wir in diesem Jahr die Zukunft des Gedenkens in den Blick und fragen nach einer Kultur der Erinnerung, die dem Vergessen, sowie dem „Ermüden“ gegenüber dem Vergangenen vorbeugt. Die Rede wird Helmut Ruppel halten. Er ist Pfarrer, seit langer Zeit in der religionspädagogischen Ausbildung tätig und seit langem engagiert für und in der Kultur der Erinnerung. Im Anschluss werden wir schweigend einen Weg durch unseren Kiez, an der jüdischen Synagoge vorbeiführend gehen und am Mahnmal in der Großen Hamburger Straße enden.

20 Uhr: Benefizkonzert zugunsten des Raums der Namen im Holocaust-Mahnmal Berlin „79 Jahre nach der Terrornacht 1938 („Reichspogromnacht“) – Wort und Musik zu Exil und Asyl“, Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, Breitscheidplatz, Eintritt frei. Im Zentrum des Abends spielt das Berlin Piano Trio des Philharmonikers Krzysztof Polonek das 2. Klaviertrio von Dmitri Schostakowitsch. Im „Raum der Namen“ im Denkmal für die ermordeten Juden Europas werden Namen und Biographien der bisher recherchierten Opfer des Holocaust aus Lautsprechern verlesen und somit die Erinnerung an die Opfer wachgehalten. Die Rekonstruktion weiterer Biographien ist äußerst zeitaufwändig und kostspielig. Der Verein „Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs“ widmet sein Benefizkonzert anlässlich des Jahrestages der Pogrome vom 9. November 1938 der weiteren Arbeit für den „Raum der Namen“. Zum Thema „Exil und Asyl“ lesen Therese Affolter und Gerd Wameling Texte von Zeitzeugen des 9. Novembers 1938.

Text entnommen: www.ekbo.de / Andreas Götze