Müggelmeer und mehr

Auf in den Herbst … ach menno, der schon wieder. Irgendwie kann man sich die abdankende Sonnenkitzelei am FKK, die schwindende Wärme auf der Haut und die schlüpfrigen Algen im Müggelsee nicht schönreden. Aber wurscht, Friedrichshagen! Als politisches, kulturelles und wohnungsbauwirtschaftliches Epizentrum unseres Planeten ist für dich Jahreszeit ohnehin nur ein Serviervorschlag und auch im Dezember kann man sich vor dem Mauna Kea noch stylisch den Pöpsipöps abfrieren. Also – Secco für alle! Und wählen gehen …


Und sonst so?

Einen der wenigen echten Bäcker Berlins findet man in Friedrichshagen. Dafür sind zwischen Bahnhof und Müggelstrand die Parkplätze abhanden gekommen. Aber wer braucht die schon, wenn man mit dem Rennrad über Gehsteige hopsen und dabei mit Verve die verdutzten Passanten umnieten kann. Ach, dit is mein Friedrichshagen. Eine Mischung aus Schneckentempo und Warp 11. Die Mieten steigen, der tägliche Pro-Kopf-Schrippen-Verzehr auch. In der Tat – hier heißen die leckeren Kohlenhydratbolzen noch Schrippen. Nicht Weggle oder Krumpnfrdlldln (man versteht all die Dialekte ja so schlecht …). Besagter Bäcker belieferte vor geraumer Zeit die Kanzlerin und ihr Gefolge. Immerhin regierte sie anschließend durch. Keine Ahnung, ob das mit der Backware zusammenhing. Egal. Friedrichshagen duftet im Sommer nach Sonnencreme, Nagellack und Kebab. Und nach Eiscafé und Baustelleneinfahrt. Die Bölsche ist fein säuberlich aufgerissen, diese stöckelbeschuhte und sneakerlastige Einkaufsmeile mit dem fantastischen Union an der Spitze. Ach so, Union gibt es zwei Mal – als Kino und als eisernen Fußballverein. Der ist auch Spitze – Meister der Herzen sozusagen. Beide muss man lieben. Mit Betonung auf lieben. Und muss.

Manchem steigt der Lärm zu Kopf, wenn Parkplatzsuchverkehr, zuckelnde Tram und schepperndes Güterzuggedonner und Presslufthämmer gleichzeitig um Aufmerksamkeit betteln. Ach, und die Flugzeuge, diese lustigen Flatterdinger, machen von oben den kerosinglänzenden Deckel drauf. Etwa 120 von denen werden über den Müggelsee brausen, wenn ab 2091 der sündteure Flugplatz seinen vierzehntägigen Betrieb aufnimmt. Vorher sollen Teile der Müggelseeregion noch unter Naturschutz gestellt werden, was wieder mit verdächtig vielen Einschränkungen für alle Anwohner und Wassersportler einhergehen könnte. Und so fügt sich der Friedrichshagener feurig in diese eine Beschäftigung: Er demonstriert. Der Gaucksche Freiheitsgedanke – hier wird er bis in die Haarspitzen gelebt und auf Plakate geklebt. Schon das Fritzchen – Vaterverfolgter, Ortsgründer, Komponist und Flötenfan – haute uns dies Codewort um die Ohren: Ein jeder lebe nach seinem Fassonschnitt! Freiheit lässt sich zwischen all den Autos links und rechts und oben und unten nun wahrlich trefflich genießen. Besser jedoch auf dem Fußballplatz des Friedrichshagener Sportvereins von 1912. Der ist trotz seines fortgeschrittenen Alters recht geschmeidig und breitensportlich bissig. Überhaupt sind die zahlreichen Sportclubs die heimlichen Stars der Region, denn sie ergänzen die pädagogischen Mühen dutzender Eltern- und Lehrergenerationen um echten Schweiß, echte Tränen, echten Teamgeist und jede Menge sportliche Erfolge. Echt.

Die Kirchengemeinde – ist eigentlich ein unfassbares Gebilde. Sie zählt weit über 2000 Mitglieder, von denen beinahe alle den Weg zum sonntäglichen Gottesdienst in die Christophoruskirche finden. Moment mal, das klingt nach Alternativ-Fakt, aber man wird ja nochmal träumen dürfen. Der Pfarrer hingegen ist ein Typ, mit dem man Pferde stehlen könnte. Nicht in echt jetzt, nur so als Beispiel. Denn wohin dann mit den geklauten Gäulen? Außerdem bräuchte der Pfarrer die Gäule vielleicht gar nicht mehr, denn er hat den Friedrichshagener Stall verlassen, um andernorts über Stock und Stein zu springen. Ältestenrat und Ehrenamtliche der Gemeinde schaffen es, unterschiedliche Erwartungen und Interessen in einen Bottich zu hauen. Und heraus kommt etwas Gescheites. Wunderbares. Liebevolles. Leichtes. Überraschendes. Wie damals, als gewissermaßen über Nacht Hundert goldglänzende Porträts alter Frauen und Männer den Altar der Kirche umzingelten. Manch einer nennt den Ex-Pfarrer hinter vorgehaltener Hand Hochwürden. Mit Respekt, versteht sich. Hochwürden – da lacht freilich auch die Ökumene, die übrigens in der Region eine Herzensangelegenheit wurde. Nun sind alle gespannt, welche Zeit nach Hochwürden anbricht. Fakt ist: Die Fußabdrücke, die er hinterlässt, sind mächtig gewaltig. Schuhgröße 199, ungefähr. Die Gemeinde jedenfalls ist wie der Ortsteil: Traditionell, modern, chaotisch, neugierig und kreativ. Manchmal schräg, eitel und nervös, aber wer ist das alles nicht. Passt irgendwie gut zu Berlin, dem boomenden Friedrichshagener Vorort-Vorort. Es gibt da eine Legende: Als Gott die Welt und alles Getier, alle Pflanzen und Stein und Bein schuf, hatte er Friedrichshagen längst fertig. Und: Der geografische Mittelpunkt des Universums liegt – richtig – in Friedrichshagen. Die Sonne dreht sich um … Ach, Sie wissen schon. Ohne Friedrichshagen ist alles nichts. Willkommen am schönsten Müggelmeer der Welt.

Uwe Baumann