Müggelmeer und mehr

Dass Weihnachten immer so plötzlich kommt, ist ein Klischee aus Zeiten, als es Heintje noch in die Charts schaffte.

Bereits gegen Ende der Sommerferien wanzen sich erste Weihnachtsdevotionalien heran und läuten die Mutter aller untherapierbaren Familienstreitigkeiten ein: die Weihnachtszeit. Realsatirischer Stress im Klingklang der Warenhäuser, spätantroposophisches Kopfzerbrechen in Tateinheit mit Geschenkelotto für Leute, die schon alles haben. Doppelt. In Premiumqualität.

Und dann dieses ewige Menüschakkalakka. Die Bürgersöhnchen zieht es zu Mamas Kartoffelsalat in die Landhausküche, den Mädchen würde der Chinaimbiss am S-Bahnhof reichen. Weil sie pragmatisch sind. Oder phlegmatisch, das ist wurscht. Weihnachten ist wie eine Echthaarperücke: Prinzipiell geeignet, müsste jedoch gut durchgelüftet werden. Der eilige Abend als Projekt und Schaumkrone besinnungsloser Millieus mit viel zu viel Spielgeld in der Hand.

Vielleicht war das alles mal ganz anders gedacht.

Aber seit Jahren werden die Leute vom wilden Wutz gebissen, wenn das Glöckchen bimmselt. Mit Trompeterbäckchen schieben sie dann ihre Einkaufswagenformationen repräsentativ an den Kassen der Konsumkathedralen vorbei, heim ins ikeaöse Wohlstandsbiotop zu den elektrischen Hausaltären. Von dort, den Flachbildschirmen der angeschlossenen Alexas, Siris und Okay-Googles werden sie kommen, die frohen, autohypnotischen Botschaften und der wertschätzende Sand in die Augen: Kauft Leute, kauft! Nehmt, so wird euch gegeben! Viel ist nicht genug! Selig sind, die ihre Kreditkarten pulverisieren! Und sehet: Euer Nachbar haut noch mehr Kohle auf den Kopf als ihr!

Fast sehnt man wieder Heintje herbei – der übrigens immer noch singt, halleluja! – oder irgendeine Felsenhöhle auf Naxos, um den bürgerlichen Beliebigkeitsritualen und der weihnachtlichen Tollwut zu entfliehen.

Andererseits hat Gott uns Menschen den freien Willen geschenkt. Wir können Weihnachten feiern, wie wir wollen. Und wahrlich: Keine Ahnung, was er sich dabei gedacht hat.

Uwe Baumann

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Der Kolumnen-Text ist die Meinung des Autors. Er gibt nicht die Meinung des Gemeindekirchenrates, der gesamten Gemeindeleitung oder der Gemeinde wieder.