Auf ein Wort mit Pfarrer Markus Böttcher

Oración perpetua

In Quetzaltenango, einer größeren mittelamerikanischen Stadt, wurde in der Kathedrale abends um 20 Uhr eine neue Kapelle eingeweiht. Sie trägt den Namen: Capilla de la oración perpetua, Kapelle des immerwährenden Gebetes. Ein langer Zug von Menschen mit Kerzen in der Hand bewegte sich über den großen Platz zum Eingang. Manche hatten Liedzettel in der Hand und sangen. Die meisten Leute – Frauen, Männer, Kinder – standen geduldig vor dem Eingang und warteten. Die Weihe fand ja in der kleinen Kapelle statt und es waren mehrere hundert Menschen. Nach und nach, als die Weihe vorbei war, kamen dann doch alle, die wollten, hinein, und konnten einen Blick in die Kapelle werfen. Es roch nach Weihrauch und frischem Holz. Auf dem Altar ein rotes Licht.

Na, dachte ich, ob da wirklich Tag und Nacht, zu jeder Zeit, jemand sitzt oder kniet und betet? Oder ist perpetua nur der Name und als Mahnung gedacht? Und wenn es doch ernst gemeint ist – gibt es einen Zeitplan, in den sich die Leute eintragen können? Ob es schwer ist, für – sagen wir – 3 und 4 Uhr morgens jemanden zu finden? Kann die Kirche nachts überhaupt offen bleiben?

Am nächsten Tag, ich war noch in Quetzaltenango, ging ich abends wieder zur Kathedrale. Die Messe war längst vorbei. Ich stand im Vorraum und schaute in den großen Kirchraum – niemand zu sehen. Dann ging ich nach links zur neuen Kapelle. Ich trat leise ein und setzte mich in die letzte Bank. Tatsächlich saß in der ersten Reihe eine Frau und schien zu beten. Ich war erleichtert.

Aber dann machte ich mir Sorgen: Was wäre, wenn die Frau jetzt vor mir rausginge und ich der einzige wäre? Liegt das kontinuierliche Gebet dann an mir? Soll ich dann solange hierbleiben und beten, bis die nächste Beterin kommt? Ich nahm diese Zweifel mit in mein Gebet. Nach einer Viertelstunde stand ich auf und verließ leise die Kapelle. Die Frau saß noch da. Ich war erleichtert.

Wenn wir ein kontinuierliches Gebet bei uns machen wollten, bräuchten wir im Monat 720 Menschen, die bereit sind, sich eine Stunde im Monat in unsere Kirche zu setzen. 720 ist knapp ein Drittel unserer Gemeindemitglieder. Vielleicht könnten wir ja auch die Nachtzeiten ausnehmen, das wäre für die meisten eine große Hürde. In der Nacht ist es auch nicht immer schön auf dem Friedrichshagener Marktplatz. Aber vielleicht wäre es ja gerade nachts wichtig, zu beten?

Ach, das klingt doch alles wie eine große Illusion. Und doch möchte ich diesen Anspruch auch für unsere evangelische Kirche nicht aufgeben. Was sind unsere wichtigsten Aufgaben als Kirche? Sind wir nicht eine Gemeinde von Betenden? Vielleicht sollten wir uns bei dieser Aufgabe mit den ökumenischen Geschwistern zusammenschließen? Dann wären wir ein paar hundert Leute mehr.

Mit dieser Hoffnung, die ich nicht ganz aufgeben will, gehe ich in das neue Jahr. Und nehme Sie gern mit – Ihr

Pfarrer Markus Böttcher

Beitragsbild: Ruben Hutabarat/unsplash.com