Auf ein Wort mit Pfarrer Markus Böttcher

Friedrichshagen ist bunt.

Hier wohnen nicht nur Künstler, Intellektuelle, Ärztinnen oder Beamte, die sich teure Wohnungen leisten können. Manch andere wohnen schon sehr lange hier, haben irgendwann in den fünfziger Jahren an ihren Genossenschaftswohnungen mitgebaut. In unserem Haus leben seit ein paar Jahren syrische-kurdische Familien. In der Werlseestr. und bei ProCurand wohnen viel alte Menschen und im Haus Charlotte Wohnungslose. Ja, und dann gibt es noch die eine bewohnte Baracke auf dem schmalen Weg, der hinter dem Friedhof beginnt und zum Hirschgartendreieck führt, da wohnen rumänische Familien, Roma. Wenn ich abends dort spazieren gehe, sehe ich schwaches Licht in den Fenstern, vielleicht sind es Gaslichter, denn Strom gibt es dort nicht. Wasser auch nicht. Manchmal sehe ich Leute durch ein Loch im Zaun raus- oder reingehen.

Kurz vor Ostern bin ich in ein Fettnäpfchen getreten. Wir, Matthias Fricke und ich, trafen uns am Friedhof mit zwei Vertretern von Amaro Foro e.V., beide selbst Roma. Einer von ihnen: Georgi Ivanov. Amaro Foro nennt sich „transkultureller Jugendverband von Roma und Nicht-Roma“. Wir sprachen über die schlechten Lebensbedingungen. Ohne festen Wohnsitz kannst Du keinen Arbeitsvertrag abschließen und wenn du kleine Kinder hast, gibt es Ärger mit dem Jugendamt. In den Baracken leben keine kleinen Kinder.  Aber wenn es welche gäbe, würden sie dort nicht leben dürfen.

Diese Vorstellung fand ich unerträglich, sodass ich fragte: Wäre es nicht sinnvoll, dafür einzutreten, dass unser Staat auch eine Lebensform ohne feste Wohnung anerkennt?

Georgi schaute mich stirnrunzelnd an und fragte zurück: Warum denkst du, dass diese Leute keine feste Wohnung haben wollen? Frag sie, sie werden dir sagen, dass sie gern eine hätten.

Ich ließ mir meine Verlegenheit nicht anmerken und beharrte darauf, dass für mich Menschenwürde nicht an einen festen Wohnsitz gekoppelt ist. Von Abraham oder Jesus erzählte ich nicht, das hätte dann etwas weltfremd geklungen. Aber ich hatte das Gefühl, die beiden standen während des Gesprächs neben mir und gaben mir Recht.

Ich hatte aber nicht Recht. Die Mehrheit der Roma in Rumänien, es sind zwei bis drei Millionen, sind sesshaft. Der kleinere, nomadisch lebende Teil hatte es früher, unter Ceaușescu, besonders schwer. Sie wurden zur Sesshaftigkeit und zu bestimmten Arbeiten gezwungen, ihre Wagen wurden konfisziert.

Romafamilien, höre ich von Georgi, leben gern in Deutschland. In Rumänien, wo sie Romi heißen, wäre es schwieriger zu leben. Aber trotzdem: was sind das für Bedingungen hier? Mein Fettnäpfchen war, dass ich alle für Nomaden gehalten habe. Und ich dachte: Wie wenig wir doch wissen von den Leuten, die hier wohnen. Viele wissen gar nicht, dass dort Leute wohnen. – Was, in diesen Baracken? Mein Gott!

Am sonnigen Ostersonntag nach dem Gottesdienst gingen wir zur Baracke. Matthias, Christine Gebhardt und ich. Wir hatten einen Korb mit Ostereiern dabei und einen Karton mit Schoko-Osterhasen, darauf hatten wir geschrieben:  Paste Fericit. Klingt wie das spanische felíz pascua, frohe Ostern.

Wir stiegen durch das Loch im Zaun, es fühlte sich an wie eine Mutprobe, und grüßten in die offene Barackentür hinein. Zwei Frauen mittleren Alters kamen aus verschiedenen Zimmern heraus zu uns und grüßten freundlich. Die eine sprach etwas Deutsch, die andere ganz gut Spanisch. Wir sprachen nicht lange miteinander, waren alle etwas verlegen. Freundlich-verlegen. Auf dem Rückweg sagten wir uns: das war ein besonderes Ostern. Und: wir sollten da noch mal hingehen. 

Einen schönen Sommer wünscht Ihnen Ihr Pfarrer Markus Böttcher