Auf ein Wort mit Pfarrer Markus Böttcher

Von Ostern reden beim Osterspaziergang

Liebe Freunde und Nachbarn,
manchmal versuchen wir uns gemeinsam zu erinnern. Immer zu Ostern, irgendwo in einem
Park beim Picknick – mit der Familie, den Freunden: Wer kommt am weitesten mit Goethe beim
Osterspaziergang? Vom Eise befreit bis zum Hoffnungsglück im Tale geht es leicht. Die meisten
schaffen es auch noch, mit dem alten Winter in die Berge zu fliehen, aber was sendet der von
dort aus: irgendwelche Schauer welchen Eises? Die Sonne, die kein Weißes duldet, leuchtet in
die Tiefen unseres Oberschulgedächtnisses. Bildung und Streben regt sich und natürlich will sie alles mit Farben beleben. Manchen fallen noch die Blumen ein, an denen es im Revier fehlt. Doch dann finden wir wieder dort zusammen, wo sich jeder sonnt, …so gern, und skandieren im Chor: Sie feiern die Auferstehung des Herrn. Denn sie sind selber auferstanden. Aus – ja, woraus? niedriger Häuser dumpfen… woraus auferstanden? Da verlassen uns die Geister Goethes. Wo es gerade jetzt interessant wird, nämlich:

Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.

So, so, das ist also Goethes Ausgangslage. Die Frage ist ja: Wie reden wir von Ostern? Da
müssen wir auch fragen: In welchem dumpfen Gemach beginnt für uns die Auferstehung? Goethe hat österliches meisterhaft in Worte gefasst und dem Wissenschaftler Faust in den Mund gelegt, hat die Auferstehung im Rückzug des Winters und im Hoffnungsglück des grünenden
Tales gesehen und das für uns schwer beschreibbare Osterereignis heruntergebrochen von der Kanzelhöhe nächtlich dunkler Kirchen in die Keller und Gassen einer sächsischen Kleinstadt im ausgehenden 18. Jahrhundert. Ostern hat einen Ausgangspunkt! Und der liegt im Dunkeln. Eine grabesdunkle Ausgangslage können wir freilich immer besser in Worte fassen als das, was am Ende siegreich herauskommt. Was Goethes Faust sieht, nämlich dumpfe Gemächer, Arbeit (den Arbeitsdruck in Handwerks- und Gewerbesbanden), Enge von Häusern und Straßen und die ehrwürdige Nacht der Kirchen, ist schon viel und schreit schon sehr nach Auferstehung. Aber Ostern ist mehr. Ein Grab ist ein Grab, kein Haus und keine Kirche. Im Grab ist das Leben zu Ende, Mensch!, und zuallermeist ohne Hoffnung. Der holde Blick des Frühlings, die gegenüber Weißem (Schnee!)
ungeduldige und alles mit Farben belebende Sonne ist herrlich nach diesem Coronawinter.
Sie scheint auch auf das Grab, an dem wir trotz Sonne todtraurig stehen. Denn ein Grab ist ein
Grab, kein Giebel und keine Straße. Das wollen wir dem großen Goethe auch nicht anlasten.
Faust hat beim fröhlichen Spaziergang nicht an Gott gedacht, sondern einfach nur fröhlich in die
Sonne geblinzelt.
Aber wir wollen doch Ostern in Worte fassen!
Da müssen wir leider zurück ins Dunkle. Zu dem Menschen, der im dumpfen Gemach zurückgelassen wurde, zu dem Handwerker, dessen Dienst nicht mehr gebraucht wird, zu denen, die in den quetschend-engen Straßen unter die Räder gekommen sind. Eine andere Ausgangslage. Aber eine wirklich österliche. Wir wollen ja von Ostern reden, verrückt und gläubig wie wir sind. Und das können wir wenigstens mal versuchen, und nicht nur in den Vokabeln, die uns der laue Frühlingswind einhaucht. Bestimmt sind wir lange nicht so klug wie der ruhelose Doktor, der, ach!, alles Mögliche und leider auch Theologie studiert hat.
Müssen wir auch nicht.

Aber für den Glauben haben wir größeres als Sonne und dafür auch dunkleres als die enge Gasse: Einen schmachvollen Tod am Kreuz und am Ende – nach drei Tagen – etwas, das siegreich herauskommt. Wir haben Befreiung nicht nur für Strom und Bäche vom Eis, sondern für totgeglaubtes! Ja, wirklich! Davon können wir doch reden, irgendwie wenigstens. Lasst uns zurückkehren zum Grab, keine Angst davor, und dort mit unseren Worten nach Ostern suchen. Ach!, da habe ich nun Theologie studiert, aber von Ostern reden – mir fehlen sie, die Worte. Aber ich weiß, dass einmal drei Frauen am Grab standen und staunten und später vom Leben erzählten. Meine Sprachlosigkeit bleibt; es ist eine staunende Sprachlosigkeit, eine neugierige. Überrasch mich, Gott am Grab! Darum feiern wir ja Ostern dort, nämlich auf unserem Friedhof, am Ostersonntag um sieben. Die unduldsame Frühlingssonne kann ruhig dazuscheinen. Und wenn dann auch noch ein geputzter Mensch daherkommt und versucht, den Osterspaziergang zu rezitieren, helfen wir ihm gern.
„Nein, Mensch, es heißt: Ohnmächtige Schauer körnigen Eises. Merk es dir endlich!“

Eine herrliche Osterzeit wünscht Ihr Pfarrer
Markus Böttcher

Und jetzt der „ganze“ Goethe:

Osterspaziergang

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in raue Berge zurück.
Von dorther sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur;
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlt’s im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurückzusehen.
Aus dem hohlen, finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.

Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden,
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.

Sieh nur, sieh! wie behänd sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluss in Breit‘ und Länge
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und bis zum Sinken überladen
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel;
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet Groß und Klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!