Auf ein Wort mit Pfarrer Markus Böttcher

Freundliche Steige

Die meisten Straßen von Friedrichshagen sind Pflasterstraßen. Als Fahrradfahrer braucht man doppelt so viel Kraft, um vorwärts zu kommen. Das fühlt sich obendrein so an wie, wenn man sich auf die Waschmaschine setzt, während sie im Schleudergang ist und man außerdem vergessen hat, die Transportsperre herauszunehmen. Deshalb fährt auch niemand auf der Straße Fahrrad. In keinem anderen Teil von Berlin sieht man so viele Fahrradfahrerinnen auf dem Bürgersteig, alte und junge. Und in keinem anderen wird so wenig darüber gemeckert.

In der Ahornallee klingele ich manchmal sogar kurz, fahre dann an den Fußgängern vorbei und sage Danke. Und dann kriege ich auch noch ein freundliches „Bitte“ hinterhergerufen! Das gibt es woanders nicht.

Mag sein, dass irgendwer mal eine unfreundliche Reaktion erlebt hat. Ich nicht – keine einzige, obwohl ich jeden Tag mein Glück herausfordere. Insgesamt geht es also freundlich zu links und rechts vom Kopfsteinpflaster.

Es gibt wohl ein unausgesprochenes Abkommen zwischen Fußgängern und Radfahrerinnen. Wenn ja, dann wurde es dann geschlossen, als die Friedrichshagener bei einer Bürgerbefragung gesagt haben, dass sie ihre Pflasterstraßen behalten wollen. Danach war ihnen klar, dass es weiter viele Bürger auf den Steigen geben würden.

Aber vielleicht ist es einfach nur Freundlichkeit? Vielleicht müssen wir gar keinen Grund dafür suchen? Vielleicht denken die, die mich freundlich vorbeilassen, an gar keine Volksbefragung oder ihre Liebe zu alten Pflasterstraßen? Vielleicht sind sie einfach nur so freundlich – ohne Arg?

Der freundliche Steig wäre das Gegenstück zum Leidensweg. Wege des Leids gibt es ohnehin. Die Ende Februar beginnende Passionszeit ist die Zeit, an solche Wege zu erinnern. An den Weg Jesu und die Leidenswege meiner Nachbarn. Es gibt sie in jedem Haus. Wie gut also, dass es auch noch anderes, dass es zwischen den Häusern freundliche Steige gibt.

Eine besinnliche Passionszeit wünscht Ihr Pfarrer Markus Böttcher