Ein Hemd erzählt von Ostern

Auf dem Markt in Budapest kaufe ich ein schwarzes Hemd mit Stehkragen, weiten Ärmeln und schwarzen Stickereien. Gut für das Tischabendmahl, dachte ich, wo ich keinen Talar anhabe und trotzdem feierlich aussehen möchte.

Die freundliche Verkäuferin, die fließend Deutsch spricht und lauter schmucke volkstümliche Kleidung auf Lager hat, sagt, es komme aus Mezökövesd, einer kleinen Stadt im Nordwesten Ungarns. Sie ist ehrlich zu mir. Als ich das Hemd anprobiere, schaut sie etwas mitleidig auf meine langen Arme: Die Ärmel werden beim ersten Waschen einen Zentimeter kürzer werden. – Passiert das auch, wenn ich es kalt wasche? – Ja, leider. Ein Hemd mit längeren Ärmeln hat sie aber nicht. Also kaufe ich es gegen alle Vernunft. Ich lasse es drauf ankommen. Es ist einfach zu schön, um es dort hängen zu lassen.

Ob Sie es glauben oder nicht: Die Ehrlichkeit der Frau hat mich überwältigt. Sie hätte ja nicht sagen müssen, dass das Hemd eingeht. Ich habe nicht gefragt. Aber sie will mir keine falschen Hoffnungen machen. Gerade das hat mir Hoffnung gemacht. Die überwältigende Ehrlichkeit dieser Frau mit den Hemden aus Mezökövesd schwingt mich ein in das Osterfest. Keine falschen Hoffnungen. Aber das sagt sich so einfach! – Auch das Osterglaubens-Hemd ist großartig. Und auch das muss noch eine Wäsche überstehen – und danach passt es vielleicht nicht mehr. – Wisst ihr was? Ich nehme sie einfach, die schöne Botschaft vom Sieg des Lebens über den Tod, auch wenn ich nicht weiß, wie lange sie passen wird. Ich nehme sie einfach und lasse es drauf ankommen.Was mache ich also mit dem schmucken Hemd aus Ungarn nach dem Gründonnerstags-Gottesdienst? – Das dachte ich, bevor mir klar wurde, dass wir in diesem Jahr wohl gar keinen Gründonnerstags-Gottesdienst feiern werden.

Ich werde es tragen, wenn ich das Tischabendmahl mit meiner Familie feiere. Und dann? Waschen natürlich! Vielleicht passiert ein Wunder und die Ärmel bleiben lang. Wenn nicht, trage ich es trotzdem. Es ist einfach zu schön. Wunderbare Ostererfahrungen trotz allem – wünscht Ihnen Ihr Pfarrer Markus Böttcher.

Anmerkung: Diesen Text hatte ich schon geschrieben, bevor der Corona-Virus in Europa ankam. Danach musste ich ihn nur wenig umarbeiten. Sie werden merken, wo. Ostern bleibt Ostern – trotz allem.