Erinnerungen an den 9. Nov. 1989

Wie Peter Schmitz im Westen den Mauerfall erlebte

Vor einem Jahr haben einige Gemeindemitglieder darüber berichtet, was sie in den Tagen des Mauerfalls erlebt haben. Es hat sich jedoch kein Autor gefunden, der den Mauerfall im Westen erlebt hat. Diese kleine Lücke möchte ich jetzt als (nicht mehr ganz so) neues GKR Mitglied schließen.
Im Herbst 1989 war ich ein junger Jurastudent in Hamburg. Ich lebte im Studentenwohnheim, in der Nähe einer großen Kreuzung namens Berliner Tor. Obwohl die innerdeutsche Grenze nur eine halbe Stunde Autofahrt entfernt lag, fand der Osten im Alltag faktisch nicht statt. Man merkte zwar durch die politische Berichterstattung, dass sich dort etwas tat, aber man rechnete nicht damit, dass sich etwas grundlegend ändern werde. Während meines Zivildienstes hatte ich eine Woche staatsbürgerlichen Unterricht, bei einem Dozenten, der zwei oder drei Jahre vorher aus der DDR geflüchtet war. Er sagte uns voraus, dieser Staat werde bald zusammenbrechen. Wir haben ihn ausgelacht, aber er behielt recht.
Am Abend des Mauerfalls habe ich mit meinen Mitbewohnern die ganze Nacht lang Fernsehen geschaut. Wir glaubten in diesem Moment nicht, dass jetzt die deutsche Einheit kommt, eher, dass zwei deutsche Staaten mit unterschiedlichen Systemen bleiben.
In den folgenden Tagen roch die Luft am Berliner Tor ungewöhnlich nach Mofa und es fuhren Autos mit merkwürdigen Farben durch die Stadt. Am späten Samstagabend hatte eine Familie aus Mecklenburg genug vom ganzen Trubel auf der Reeperbahn, sie wollte zurück und so kam ich in den Genuss einer ersten Fahrt mit einem Trabbi, um sie zum Berliner Tor und von da aus Richtung Autobahn zu lotsen.
Meine Mitbewohner wollten dann spontan nach Berlin fahren. Ich hatte eine echte Grippe und konnte nicht mitkommen.
In meinem Taschenkalender aus dem Jahr 1989 findet sich in den folgenden Monaten nichts, was mit der Maueröffnung zu tun hatte. Unsere Professoren hatten mehr Weitsicht, einer hatte gleich die Berliner Zeitung abonniert und berichtete mir beim Mittagessen in der Mensa, was es dort alles Spannendes zu lesen gäbe, seit die Zensur faktisch weggefallen war.
Was der Professor damals schon ahnte: Beruflich und persönlich haben sich mit dem Mauerfall für uns Studenten alle Perspektiven verändert. Ungefähr die Hälfte von uns hat in Ostdeutschland Arbeit gefunden, häufig in den neuen Länderverwaltungen oder in Verbänden, die in die Hauptstadt gezogen sind. Überspitzt formuliert: Ich vermute, es hat sich für uns „Grenzgänger“ seit dem Mauerfall sogar mehr verändert als für die Menschen, die zuvor in der DDR gelebt haben. Denn die Menschen, die hier blieben, haben ihre Umgebung und einen großen Teil ihrer Freunde behalten, wenn auch unter sehr schwierigen Umständen. Eines darf man nicht vergessen: Mit dem Mauerfall ist auch die alte Bundesrepublik untergegangen und ein insgesamt anderes Deutschland entstanden. Es sieht von außen ein wenig so aus wie die alte Bundesrepublik, aber es fühlt sich für mich – als Kind des ehemaligen Westens – nicht so an. Und wenn man mich fragt, dann könnte ich den wirklichen Unterschied auch bei Gelegenheit erklären.

P. Schmitz

Meine Erinnerungen an den 09. November 1989

Der Abend des 9. November war trüb. Ich brachte meinen Sohn ins Bett und  ging selbst beizeiten schlafen, denn am nächsten Morgen um 5.30 Uhr klingelte der Wecker. Ich fuhr damals von meiner Wohnung in Oberschöneweide mit der Straßenbahn nach Friedrichshagen, weil es mir wichtig war, dass mein Kind in unserem evangelischen Kindergarten betreut wurde. Von Friedrichshagen aus ging es dann mit der S-Bahn ins Stadtzentrum. Irgendetwas war anders als sonst: Es summte förmlich in der Bahn. Alle waren aufgeregt. Ganze Schulklassen waren unterwegs,redeten und wisperten: „Lasst uns die Schule schwänzen, los – wir fahren rüber“.Ich dachte, mein Gott, jetzt ist es soweit, nun wird die Grenze gestürmt – das kann kein gutes Ende nehmen. Als ich meinen Betrieb in der Neuen  Jakobstraße unweit der Mauer erreichte, war kaum ein Kollege da, viele hatten einen „Abstecher“ nach Westberlin gemacht. Nun erfuhr ich endlich, dass die Mauer offen ist. Aber man munkelte, dass sie wieder geschlossen wird und alle, die drüben sind, auch dort bleiben müssen. Wegen meines kleinen Sohnes  kam das für mich nicht in Frage, so dass ich mich am darauffolgenden Wochenende um  ein Visum bemühte und erst dann  die Stadt im Westteil besuchte.

C. Pilz

Auch das passierte beim Mauerfall

Infolge auswärtiger Beisetzung einer nahen Verwandten am 10. November 1989 konnteich mich mit meiner Familie erst am Sonnabend, also am 11., auf den Weg machen, um die so überraschend möglich gewordenen ersten Schritte in den „wilden Westen“ zu tun. Wir wählten die traditionsreiche Oberbaumbrücke als „Übertrittsort“. Das Gedrängel war enorm, doch nach einer guten Stunde waren wir in Kreuzberg –  glücklich, wenn auch leicht irritiert vom dortigen Ambiente. Wir wollten mit der U-Bahn zum Bahnhof Zoo fahren. Im total überfüllten Bahnhof Schlesisches Tor bewegte sich die noch überfülltere Bahn nur im Schritttempo bis zum Halt. Trotzdem schafften wir es irgendwie einzusteigen. Extremer Platzmangel, angezogene Bäuche und verbrauchte Luft führten dazu, dass sich die Leute weitgehend wortlos auf sich selbst konzentrierten. In diese Stille hinein platzte plötzlich vernehmbar eine Stimme mit amerikanischem Akzent: „Ich wollte an diesem Wochenende nur mal Berlin besuchen und kennenlernen. Ich weiß gar nicht, was hier los ist!“ Vom anderen Ende des Wagens meldete sich daraufhin ein offensichtlich Einheimischer mit unverkennbar Berliner Schnauze: „Da haste Dir aber eenscheenet  Wochenende ausjekiekt, Männeken!“. Das Abteil erbebte unter einem befreienden und versöhnenden Jubellachen. Heute frage ich mich oft ein bisschen wehmütig, wie wir wohl diese besondere, diese versöhnende und zukunftszugewandte Stimmung zurückerlangen können.

D. Werner

Mein Mauerfall-Erlebnis

Ich fuhr am 9. November 1989auf der fast leeren Autobahn und hörte plötzlich im Autoradio DIE Nachricht des Tages! Kurz nach 19 Uhr hielt ich mein Ohr ganz dicht an das knarzende Radio in meinem Trabbi und versuchte zu verstehen – trotz Gepolters dank des unebenen Straßenbelags und des Geknatters des Zweitaktmotors.

„Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“ Urplötzlich wurde mir, die ich in dieser Zeit in der Nähe Potsdams lebte und arbeitete, klar, dass ich nach dieser Meldung nicht wie gewohnt bei „Potsdam Nord“ abfahren müsste, sondern einfach – quasi versuchsmäßig – den Grenzübergang „Drewitz-Dreilinden“ ansteuern könnte. Warum ich das nicht tat, ist mir noch heute ein Rätsel. Dann wäre ich, wie Dreiviertel meines Kolleginnen-Teams die Nacht über in Westberlin gewesen, hätte gefeiert, wäre wildfremden Leuten begegnet, die mich auf ein Bier in das nächste Lokal eingeladen hätten. Brav steuerte ich meine Wohnung an, legte mich beizeiten ins Bett, weil ich morgens um 6 Uhr wieder fit sein wollte. Dank einer Chefin, die sich der Tragweite der sich tags zuvor vollzogenen historischen Ereignisse bewusst war, konnten wir an diesem Freitag frühzeitig Feierabend machen und zogen – magisch vom Westen angezogen – an das so nahe und doch so fremde Gebiet! An diesem Wochenende wurde wenig geschlafen, viel geredet, getrunken, gestaunt, erklärt und wenig verstanden.

S. Hörchner

Warum Hebräisch für mich so viel mit Freiheit zu tun hat

Ich saß am 9. November 1989 in meiner winzigen Hinterhofwohnung in der Winsstrasse in Prenzlauer Berg und lernte für eine Probeklausur im Fach Hebräisch (bei Gerhard Begrich). Aus irgendeinem Grund hatte ich das Radio angeschaltet. Normalerweise hörte ich gar kein Radio, schon gar nicht, wenn ich für etwas lernte. Das kann nur göttliches Eingreifen gewesen sein. Auf die aufgeregten Stimmen im Radio, es war der SFB, achtete ich zunächst nicht. Bis mir dann klar wurde, dass das DDR-Bürger waren, die auf geheimnisvolle Weise nach Westberlin gelangt waren. Ich war verblüfft und ebenfalls misstrauisch.
Da ich die Mauer noch im Kopf hatte, glaubte ich dem Radio nur halb. Aber dieser halbe Glauben reichte aus. Ich ging aus dem Haus, schwang mich auf‘s Fahrrad und fuhr zu Freunden, einem Pärchen in Niederschönhausen. Die beiden hatten kein Radio gehört. So musste ich mit meinem halben Glauben an die offene Grenze die beiden überzeugen, mit mir nach Westberlin zu fahren. Es funktionierte. Wir fuhren mit dem Fahrrad zur Bornholmer Brücke. Über die Brücke ging es langsam, Hunderte gingen mit uns in Richtung Grenzübergang. Es gab keinen Zweifel: Die Grenze nach Westberlin war offen!Wir schoben uns mit dem Strom über die Brücke und sahen das Häuschen der Grenzpolizisten, die Schranke und grelles Scheinwerferlicht.
In solchen Momenten pflegt man nicht, über Gefühle nachzudenken. Aber im Nachhinein denke ich, es ging mir wie Alice beim Eintritt ins Wunderland. Die Grenzbeamten lächelten schüchtern, sie fragten nicht mal nach dem Ausweis, vermutlich wussten sie auch nicht genau, was vorging; ansonsten kam mir das Treiben an der Grenze wie eine einzige große Party unbekannter Dimension vor. Alles schrie, sang und feierte, viele hatten Sekt in der Hand.
Hinter der Grenze standen Busse der Westberliner Verkehrsbetriebe, die fuhren kostenlos zum Kurfürstendamm. Da wollten sowieso alle hin. Und da die Nacht schon so kostenlos begonnen hatte, ließen wir uns auch fortan einladen. Und als ob das nicht schon märchenhaft genug war, stellte sich mir in einer Kneipe am Bahnhof Zoo ein Mann mit Bart und Tabakspfeife als Klaus Renft, Gründer und Sänger der Klaus-Renft-Combo vor. Die Band war ja 1975 verboten worden, ihre Mitglieder teilweise in den Westen ausgereist. Ich weiß bis heute nicht, ob dieser Mann wirklich Klaus Renft war. Aber solche Geschichten gehören wohl zu einer märchenhaften Nacht. Immerhin hat er mir ganz real ein Berliner Bier vom Fass geschenkt. Und der wahre Renft lebte tatsächlich 1989 in Westberlin und war Tonmeister im nahen Renaissance-Theater. 
Am frühen Morgen fuhren wir zurück zur Bornholmer Brücke, nahmen die Fahrräder und radelten nach Hause. Der nächste, etwas unausgeschlafene Morgen an der Uni brachte Gewissheit: Fast alle meiner Seminargruppe waren „drüben“ gewesen. Nur wenige hatten die Nacht verschlafen. Gerhard Begrich verlegte die Probeklausur in Hebräisch.
Vielleicht liegt es ja unter anderem an dieser Nacht, dass ich bis heute gern in der hebräischen Bibel lese, ja dass diese Sprache für mich fest mit dem Gefühl der Freiheit verbunden ist. Jedenfalls habe ich am nächsten Tag Gott herzlich gedankt, dass ich an jenem Abend Radio gehört und den Stimmen im SFB (wenigstens halb) geglaubt habe.

Markus Böttcher

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