Erinnerungen an den 9. November

30 Jahre Mauerfall – zurzeit ein Thema in aller Munde. Was aber haben Gemeindeglieder zu eben jener Zeit erlebt, die die Welt besonders in Europa veränderte? Lesen Sie Erinnerungen von Constanze Pilz, Dietrich Werner, Sylvia Hörchner und Markus Böttcher.

Constanze Pilz: Erst etwas später
Der Abend des 9. November war trüb. Ich brachte meinen Sohn ins Bett und ging selbst beizeiten schlafen, denn am nächsten Morgen um 5.30 Uhr klingelte der Wecker. Ich fuhr damals von meiner Wohnung in Oberschöneweide mit der Straßenbahn nach Friedrichshagen, weil es mir wichtig war, dass mein Kind in unserem evangelischen Kindergarten betreut wurde. Von Friedrichshagen aus ging es dann mit der S-Bahn ins Stadtzentrum. Irgendetwas war anders als sonst: Es summte förmlich in der Bahn. Alle waren aufgeregt. Ganze Schulklassen waren unterwegs, redeten und wisperten: „Lasst uns die Schule schwänzen, los – wir fahren rüber“. Ich dachte, mein Gott, jetzt ist es soweit, nun wird die Grenze gestürmt – das kann kein gutes Ende nehmen. Als ich meinen Betrieb in der Neuen Jakobstraße unweit der Mauer erreichte, war kaum ein Kollege da, viele hatten einen „Abstecher“ nach Westberlin gemacht. Nun erfuhr ich endlich, dass die Mauer offen ist. Aber man munkelte, dass sie wieder geschlossen wird und alle, die drüben sind, auch dort bleiben müssen. Wegen meines kleinen Sohnes kam das für mich nicht in Frage, so dass ich mich am darauffolgenden Wochenende um ein Visum bemühte und erst dann die Stadt im Westteil besuchte.

Dietrich Werner: Auch das passierte beim Mauerfall
Infolge auswärtiger Beisetzung einer nahen Verwandten am 10. November 1989 konnte ich mich mit meiner Familie erst am Sonnabend, also am 11. November, auf den Weg machen, um die so überraschend möglich gewordenen ersten Schritte in den „wilden Westen“ zu tun. Wir wählten die traditionsreiche Oberbaumbrücke als „Übertrittsort“. Das Gedrängel war enorm, doch nach einer guten Stunde waren wir in Kreuzberg – glücklich, wenn auch leicht irritiert vom dortigen Ambiente. Wir wollten mit der U-Bahn zum Bahnhof Zoo fahren. Im total überfüllten Bahnhof Schlesisches Tor bewegte sich die noch überfülltere Bahn nur im Schritttempo bis zum Halt. Trotzdem schafften wir es irgendwie einzusteigen. Extremer Platzmangel, angezogene Bäuche und verbrauchte Luft führten dazu, dass sich die Leute weitgehend wortlos auf sich selbst konzentrierten. In diese Stille hinein platzte plötzlich vernehmbar eine Stimme mit amerikanischem Akzent: „Ich wollte an diesem Wochenende nur mal Berlin besuchen und kennenlernen. Ich weiß gar nicht, was hier los ist!“ Vom anderen Ende des Wagens meldete sich daraufhin ein offensichtlich Einheimischer mit unverkennbar Berliner Schnauze: „Da haste Dir aber een scheenet Wochenende ausjekiekt, Männeken!“. Das Abteil erbebte unter einem befreienden und versöhnenden Jubellachen. Heute frage ich mich oft ein bisschen wehmütig, wie wir wohl diese besondere, diese versöhnende und zukunftszugewandte Stimmung zurückerlangen können.

Sylvia Hörchner: Mein Mauerfall-Erlebnis
Ich fuhr am 9. November 1989 auf der fast leeren Autobahn und hörte plötzlich im Autoradio die Nachricht des Tages! Kurz nach 19 Uhr hielt ich mein Ohr ganz dicht an das knarzende Radio in meinem Trabbi und versuchte zu verstehen – trotz Gepolters dank des unebenen Straßenbelags und des Geknatters des Zweitaktmotors. „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“ Urplötzlich wurde mir, die ich in dieser Zeit in der Nähe Potsdams lebte und arbeitete, klar, dass ich nach dieser Meldung nicht wie gewohnt bei „Potsdam-Nord“ abfahren müsste, sondern einfach – quasi versuchsmäßig – den Grenzübergang „Drewitz-Dreilinden“ ansteuern könnte. Warum ich das nicht tat, ist mir noch heute ein Rätsel. Dann wäre ich, wie Dreiviertel meines Kolleginnen-Teams die Nacht über in Westberlin gewesen, hätte gefeiert, wäre wildfremden Leuten begegnet, die mich auf ein Bier in das nächste Lokal eingeladen hätten. Brav steuerte ich meine Wohnung an, legte mich beizeiten ins Bett, weil ich morgens um 6 Uhr wieder fit sein wollte. Dank einer Chefin, die sich der Tragweite der sich tags zuvor vollzogenen historischen Ereignisse bewusst war, konnten wir an diesem Freitag frühzeitig Feierabend machen und zogen – magisch vom Westen angezogen – in das so nahe und doch so fremde Gebiet! An diesem Wochenende wurde wenig geschlafen, viel geredet, getrunken, gestaunt, erklärt und wenig verstanden.

Markus Böttcher: Warum Hebräisch für mich so viel mit Freiheit zu tun hat
Ich saß am 9. November 1989 in meiner winzigen Hinterhofwohnung in der Winsstrasse in Prenzlauer Berg und lernte für eine Probeklausur im Fach Hebräisch (bei Gerhard Begrich). Aus irgendeinem Grund hatte ich das Radio angeschaltet. Normalerweise hörte ich gar kein Radio, schon gar nicht, wenn ich für etwas lernte. Das kann nur göttliches Eingreifen gewesen sein. Auf die aufgeregten Stimmen im Radio, es war der SFB, achtete ich zunächst nicht. Bis mir dann klar wurde, dass das DDR-Bürger waren, die auf geheimnisvolle Weise nach Westberlin gelangt waren. Ich war verblüfft und ebenfalls misstrauisch. Da ich die Mauer noch im Kopf hatte, glaubte ich dem Radio nur halb. Aber dieser halbe Glauben reichte aus. Ich ging aus dem Haus, schwang mich auf‘s Fahrrad und fuhr zu Freunden, einem Pärchen in Niederschönhausen. Die beiden hatten kein Radio gehört. So musste ich mit meinem halben Glauben an die offene Grenze die beiden überzeugen, mit mir nach Westberlin zu fahren. Es funktionierte. Wir fuhren mit dem Fahrrad zur Bornholmer Brücke. Über die Brücke ging es langsam, Hunderte gingen mit uns in Richtung Grenzübergang. Es gab keinen Zweifel: Die Grenze nach Westberlin war offen! Wir schoben uns mit dem Strom über die Brücke und sahen das Häuschen der Grenzpolizisten, die Schranke und grelles Scheinwerferlicht.
In solchen Momenten pflegt man nicht, über Gefühle nachzudenken. Aber im Nachhinein denke ich, es ging mir wie Alice beim Eintritt ins Wunderland. Die Grenzbeamten lächelten schüchtern, sie fragten nicht mal nach dem Ausweis, vermutlich wussten sie auch nicht genau, was vorging; ansonsten kam mir das Treiben an der Grenze wie eine einzige große Party unbekannter Dimension vor. Alles schrie, sang und feierte, viele hatten Sekt in der Hand. Hinter der Grenze standen Busse der Westberliner Verkehrsbetriebe, die fuhren kostenlos zum Kurfürstendamm. Da wollten sowieso alle hin. Und da die Nacht schon so kostenlos begonnen hatte, ließen wir uns auch fortan einladen.
Und als ob das nicht schon märchenhaft genug war, stellte sich mir in einer Kneipe am Bahnhof Zoo ein Mann mit Bart und Tabakspfeife als Klaus Renft, Gründer und Sänger der Klaus-Renft-Combo vor. Die Band war ja 1975 verboten worden, ihre Mitglieder teilweise in den Westen ausgereist. Ich weiß bis heute nicht, ob dieser Mann wirklich Klaus Renft war. Aber solche Geschichten gehören wohl zu einer märchenhaften Nacht. Immerhin hat er mir ganz real ein Berliner Bier vom Fass geschenkt. Und der wahre Renft lebte tatsächlich 1989 in Westberlin und war Tonmeister im nahen Renaissance-Theater.
Am frühen Morgen fuhren wir zurück zur Bornholmer Brücke, nahmen die Fahrräder und radelten nach Hause. Der nächste, etwas unausgeschlafene Morgen an der Uni brachte Gewissheit: Fast alle aus meiner Seminargruppe waren „drüben“ gewesen. Nur wenige hatten die Nacht verschlafen. Gerhard Begrich verlegte die Probeklausur in Hebräisch. Vielleicht liegt es ja unter anderem an dieser Nacht, dass ich bis heute gern in der hebräischen Bibel lese, ja dass diese Sprache für mich fest mit dem Gefühl der Freiheit verbunden ist. Jedenfalls habe ich am nächsten Tag Gott herzlich gedankt, dass ich an jenem Abend Radio gehört und den Stimmen im SFB (wenigstens halb) geglaubt habe.