Friedrichshagener Oster-Corona-Decamerone

Mitte des 14. Jahrhunderts kam der Schwarze Tod nach Europa – ein Drittel der Bevölkerung, so schätzen Historiker, starb an der Pest, die frühneuzeitliche Gesellschaft geriet auf allen Ebenen aus den Fugen.

… wie damals in Florenz

Die Menschen verloren ihr Koordinatensystem, das damals elementar christliche: Noch im Jahrhundert zuvor hatte Franz von Assisi in seinem Sonnengesang den Tod als seine Schwester begrüßt, als natürliche Pforte zum Ewigen Leben. Aber nun stapelten sich die Pestopfer in den Gassen von Hamburg, Paris, London und Florenz; der Tod war nicht mehr der individuelle Übergang in eine bessere Welt, er war würdelose, entstellende, brutale Massenware geworden. Königen und Päpsten half ihr Gottesgnadentum nicht – sie starben wie jedermann. Kein Virologen-Podcast stellte das täglich Gesehene auf rationalen Grund, kein Gesundheitsminister blickte ernst, das Wort „Krisenmanager“ gab es noch nicht. Und natürlich waren die Juden wieder schuld, wer sonst.

Einer der wichtigsten Zeitzeugen war der Florentiner Giovanni Boccaccio. Aber was wir von ihm überliefert haben, ist kein Lamento, es ist eine Faust aus Lebenswillen und Lebensfreude, die trotzig auf den Tisch haut: Zehn junge Menschen fliehen 1348 aus dem nur noch aus Tod bestehenden Florenz und ziehen in ein Landhaus vor der Stadt. Zehn Tage lang unterhalten sie sich dort, in selbstgewählter Quarantäne (der mathematisch aufmerksame Leser bemerkt sofort, dass quarante gleich vierzig ist, also nicht wirklich zehn, aber sei’s drum), gegenseitig mit derben, komischen und nachdenklichen Novellen, Anekdoten und Histörchen. Das macht zusammen hundert Geschichten, Boccaccio hat sie in seinem Decamerone zusammengefasst und damit Literaturgeschichte geschrieben. Heute wird meist auf die saftige Erotik einiger dieser Geschichten verwiesen, das passt eben am besten dazu, wie man im Zeitalter des Pro7-Blockbusters die Renaissance angeschaut haben möchte. Aber das Decamerone enthält auch bereits die Ringparabel, wie Lessing sie zum moralischen Kern von Nathan, dem Weisen machen wird; Shakespeare (ausführlich) und Gerhart Hauptmann (einmal) haben sich hier bedient.

Das Coronaberlin unserer Tage und das Pestflorenz von 1348 könnten unterschiedlicher nicht sein. Stellt man die geschnäbelten Masken der Pestdoktoren damals neben unsere heutigen Intensivmedizin-Betten – beides die jeweilige die Hightech-Medizin – reibt man sich ungläubig die Augen. Und wird sehr dankbar für den unglaublichen naturwissenschaftlichen Fortschritt seither, mit dem wir der gegenwärtigen Krise begegnen dürfen.

Was aber in beiden Szenarien einander ähnelt, ist die Situation der Quarantäne, des sozialen und kulturellen Leerlaufs. Boccaccios Rezept dazu war: Wenn Bundesliga, Staatsoper und CDU-Parteitag ihr Ablenkungspotential nicht bereitstellen, ist Geschichtenausdenken und Geschichtenerzählen nicht die schlechteste Alternative. Im Decamerone war jeder der jungen Menschen für einen Tag Zeremonienmeister und gab das Thema aus, zu dem am Abend die Geschichten vorgetragen wurden. Da Sie nun ein biederes evangelisches Blättchen in den Händen halten, können Sie schwerlich erwarten, dass wir Ihnen – à la Boccaccio – zum Aufsatzthema machen, wie ein tumber Ehemann geschickt gehörnt wird. Aber wir haben doch viel fundamentalere Stories. Just jetzt: Das Kirchenjahr teilt uns mit, es sei gerade „österliche Freudenzeit“. Aha. Aber wie genau funktioniert die Osterfreude in leeren Kirchen? Wenn das Abendmahl mit den Hygienevorschriften kollidiert – was bleibt dann von der elementaren Gemeinschaft der Christen: „Wir sind, die wir von einem Brote essen, aus einem Kelche trinken.“ (EG 221)? Das nachösterliche noli me tangere, das den Auferstandenen von den Sterblichen differenzierte, ist aktuell das ganz allgemeine Verhaltensgebot für jedermann geworden. Gegenüber Jesu Zeitgenossen haben wir – mit Wohlstand und Wissenschaft – unsere Lebenserwartung fast verdreifacht, es scheint mittlerweile fast eine Art Rechtsanspruch darauf zu geben, dass irgendein Institut, irgendein Professor unsere Probleme schon irgendwie lösen. Das werden sie auch tun, auch bezüglich des neuen Virus‘. Was aber bleibt, ist die Verunsicherung, ist ein akutes Gefühl für die Zerbrechlichkeit unseres so schönen modernen Lebens. Verletzlichkeit und Freudenzeit und Quarantäne – das schickt doch die evangelische Phantasie auf Reisen…

Erfinden wir also das Friedrichshagener Oster-Corona-Decamerone. Den Kamin in Boccaccios Landhaus ersetzen wir durch unser schickes neumodisches Internet; so können wir unsere Geschichten einfach und ansteckungsfrei austauschen. Vielleicht räumen wir eine Ecke frei auf unserer Website für ein bisschen Auferstehung; erzählen wir einander vom Sieg über den Tod in Corona-Zeiten.

Übrigens: Das Landhaus der zehn jungen Pestflüchtlinge von 1348 steht immer noch; es beherbergt heute eine europäische Uni. In unmittelbarer Nachbarschaft malte Fra Angelico kurze Zeit nach der furchtbaren Pest seine ätherisch-schönen Fresken. Und eine Universitätsgründungswelle schwappte durch Europa, die Renaissance blühte auf. Die Überlebenden wollten Schönheit, sie wollten lernen, sie wollten wissen, … nur so als Impuls für Ihre Geschichte… wir sind gespannt…

Heiko Lehmann
Bild: John William Waterhouse, Decameron (1916)