Gottesdienst bei den Katholiken?

Sonntag, 23. Juni, 10 Uhr. Sie sitzen in der St. Franziskus-Kapelle in der Scharnweberstraße. In Ihrer Hand ein ungewohntes Gesangbuch namens „Gotteslob“. Die Reihen füllen sich …

… die Glocken verklingen. Während die Orgel ihr Präludium spielt und Sie freudig feststellen, dass ein Orgelstück auch in dieser Kirche ganz gut klingt, betritt ein Grundschulkind in weißem Chorhemd den Altarraum. Es schwenkt ein Weihrauchgefäß und geht damit einmal um den Altar. Dahinter Pfarrer Böttcher, mit einer Albe bekleidet, gefolgt von zwei weiteren Grundschulkindern in Weiß. Alle verbeugen sich vor dem Altar, dann fängt der Pfarrer an zu singen: Im Namen des Vaters …

Nein, liebe Gemeinde, so wird unser erster Gottesdienst bei den katholischen Geschwistern nicht beginnen. Auch wenn es gar kein Problem wäre, wenn er so beginnen würde. Aber wir werden dort für ein Jahr unseren gewohnten unierten Gottesdienst in lutherischer Tradition feiern und aus unseren Büchern singen. Und es ist ein großes Geschenk der katholischen Kirche, dass sie unserer Gemeinde ihren schönen Raum zur Verfügung stellt.

Für alle, die Zweifel haben, ob das richtig ist, als evangelische Gemeinde in einer katholischen Kirche zu feiern: Wir sind nicht die erste und hoffentlich auch nicht die letzte Gemeinde, die das tut. In meiner ersten Pfarrstelle in der Nähe von Zerbst gibt es eine evangelische Dorfkirche, die auch von der katholischen Gemeinde genutzt wird. Im Altarraum steht das „Vortragekreuz“ für Prozessionen und der Altar, der sonst an der Wand steht, ist dort vorgerückt. Das fand ich gut, denn so stand der Abendmahlstisch zwischen Liturgen und Gemeinde, und der Eindruck, um den Tisch versammelt zu sein, ist stärker. So ist es auch in der St. Franziskus-Kirche.

Die katholische Kirche in Spanien hat in Gran Canaria sogar einen Templo Ecuménico gebaut. Er wird von einem katholischen Orden verwaltet und alle ansässigen Kirchen, die norwegische lutherische, die anglikanische und auch die deutsche evangelische Auslandsgemeinde, sind dort jeden Sonntag zu Gast. Und die Kreuzwegandacht wird gemeinsam gefeiert. Es ist schön, wenn in einer christlichen Kirche zwei oder mehrere Konfessionen Gottesdienst feiern können. Das können wir jetzt ab Juni probieren!

Nach unserem evangelischen Verständnis benötigen wir für den Gottesdienst vor allem: Die Heilige Schrift, das Kreuz, einen Altar für das Abendmahl, ein Taufbecken. Dies alles ist dort gegeben. Und natürlich: Menschen, die gern Gottesdienst feiern – die bringen wir mit.

Markus Böttcher