Schule vor 50 Jahren

Markus Böttcher sprach mit dem Superintendenten des Kirchenkreises Lichtenberg-Oberspree, Hans-Georg Furian, unter anderem über zehn Jahre Evangelische Grundschule Friedrichshagen.

Lieber Herr Furian, vor 10 Jahren wurde die Evangelische Grundschule Friedrichshagen gegründet. Bis zum Beginn der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts befand sich in dem Gebäude die Gladenbecksche Bronzegießerei. Früher wurden dort also Kunstwerke geformt, heute unsere Kinder. Kann man eine Schule mit einer Bildgießerei vergleichen?
Ich denke, man kann das. In beiden Fällen geht es um Kunstwerke, um etwas einzigartiges. Wo ein Vergleich möglich ist, gibt es auch Unterschiedliches: In der Schule geht man mit Kunstwerken um, aber man macht sie nicht. In der Gießerei stellt man sie her.

Wie haben Sie Ihre eigene Schulzeit erlebt? Was hat Ihnen gefehlt? Was fanden Sie gut?
Meine eigene Schulzeit spielte sich 1967 bis 1977 ab, in einer anderen Welt. Dazu eine Geschichte: Vor der Adventszeit, ich ging in die 8. Klasse, erfuhren wir, dass unsere Klasse eine Weihnachtsfeier in der Schule feiern könnte; allerdings nur die FDJ-Gruppe. Das bedeutete: ohne mich. Es war für mich nicht neu, dass ich von manchen Veranstaltungen ausgeschlossen wurde, aber von dieser? Das konnte ich nicht einsehen. Darum sagte ich meinem Klassenlehrer, dass ich das nicht verstehen könne, denn Weihnachten gäbe es doch nur, weil es Christen (wie mich) gäbe. Daraufhin wurde er sehr wütend, daran kann ich mich noch erinnern. Als ich nach Hause kam sah ich – mein Vater war damals in Zossen Superintendent – den großen Gemeindesaal der Kirchengemeinde. Ich fragte meinen Vater, ob ich den Saal haben könnte, um meine Klasse zu einer Weihnachtsfeier einzuladen. Am nächsten Tag lud ich meine ganze Klasse ohne Lehrer zu einer Weihnachtsfeier außerhalb der Schule ein. Nach ein paar Tagen wollten von den etwa 28 Kindern vielleicht noch 5 oder 8 in der Schule feiern. Schließlich kam der Klassenlehrer auf mich zu und lud mich zu seiner Weihnachtsfeier ein; es sei jetzt keine FDJ-Feier mehr, sondern für die ganze Klasse. Ich gehörte wieder dazu; ich habe dann „meine“ Weihnachtsfeier abgesagt. Eine Geschichte aus einer anderen Welt, der DDR-Zeit. Ich habe damals gelernt, dass es etwas bringt, seinen Überzeugungen treu zu bleiben und sie zu vertreten. Manch einer wird vielleicht sagen, dass ich es ja auch leicht damit hatte als Sohn eines Superintendenten; aber ganz so leicht war es nicht. Ich musste lernen, Haltung zu zeigen. Und das wünsche ich auch den Kindern der Evangelischen Schule, auch wenn wir jetzt in einer anderen Welt leben.

Sie sagten vorhin, in der Schule geht man mit Kunstwerken, also mit Geschöpfen um. Aber die Schule hat ja auch einen gewissen Gestaltungswillen. Und der ist, neben dem allgemeinen Bildungsauftrag, an einer evangelischen Schule ein besonderer. Wie würden Sie den definieren?
Der spielt sich meiner Meinung nach in einem Dreieck zwischen Lernenden, Lehrenden und dem Auftrag der evangelischen Schule ab. Das Ziel evangelischer Bildung dabei ist: Eigenständigkeit zu entwickeln und die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung zu stärken. Für mich gelingt das gut, wenn Kinder in der Schule die bedingungslose Gnade erfahren, die uns Gott in Jesus Christus schenkt. Es geht darum, sprachfähig über den Glauben zu werden und die Einsicht zu stärken, dass wir unser Leben nicht selbst gemacht haben, dass es ein Geschenk ist. Dazu sollten nicht nur die Kinder geführt werden, von dort sollten auch die Lehrenden kommen. Dann wird aus einer Schule eine Schulgemeinschaft, und auch darauf sollte der Gestaltungswille der Lehrenden zielen.

Und was wünschen Sie der Schule zu ihrem Jubiläum?
Ich wünsche ihr, dass sie es schafft, beim evangelischen Profil zu bleiben. Das ist wichtig, denn so hält man im Bewusstsein, dass jedes Kind – ja jeder Mensch – in unserer Welt ein Bild ist, das auf Gott weist; insofern ein Kunstwerk, dessen Ursprung wir benennen können: unseren Schöpfer.