Texte zum Innehalten

Zur Ruhe kommen, nachdenken, vorausdenken, gegenwärtig sein – Texte, Andachten und Gedanken vom Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Friedrichshagen, Markus Böttcher, zur Begleitung des Alltags.

Auf ein Wort (oder ein paar mehr) mit Pfarrer Markus Böttcher

Rudern gegen den Strom?

Lernen ist wie Rudern gegen den Strom. Hört man damit auf, treibt man zurück – ich dachte immer, das wäre von Lenin. Auf einer Zitatenforschungsseite sah ich, dass das Zitat auch Benjamin Britten, Erich Kästner, Laotse und Benjamin Franklin – fälschlich – zugeschrieben wird. Es ist einfach ein chinesisches Sprichwort.

Gegen den Strom zu schwimmen, finde ich sehr schwer. Im Pazifik sind schon einige gute Schwimmer darin zugrunde gegangen. In der Gegenstromanlage einer Schwimmhalle kann man es dagegen ohne Gefahr probieren. Aber man kommt nicht vom Fleck. Rudern gegen den Strom geht etwas einfacher. Aber Spaß macht es auch nicht.

Das scheint mir kein gutes Motto für unsere zehnjährige Evangelische Schule, obwohl fünf Fahrradminuten vom Müggelsee entfernt, zu sein. Denn im Grunde wünsche ich den Kindern nicht, immer beim Lernen gegen den Strom rudern zu müssen. Lernen kann auch leicht sein. Um im Bild zu bleiben: Im Boot auf dem Strom der eigenen Talente zu rudern, regelmäßig von den links und rechts rudernden Lehrern einen Hinweis zu bekommen, wo es lang geht, das Vorwärtskommen zu genießen und, ja, auch mal ins kalte Wasser zu fallen und wieder herausgefischt zu werden. Aber immer gegen den Strom rudern? So habe ich das nicht erlebt, jedenfalls nicht in der Grundschule.

Später, im Studium, war es auch mühsam. „Studieren“ heißt ja, sich mühen. Aber die Lust am Lernen war stärker. In den ersten Schuljahren sollte das Lernen vor allem schön und leicht sein. Beim Musik-Workshop während der Konfi-Nacht war ein Mädchen, das 17 Instrumente spielt. Und sie kommt nicht aus einem musikalischen Elternhaus. Sie hat die Lust am Musizieren selbst an sich entdeckt und spielend sehr viel daraus gemacht. Sicher nicht gegen einen Strom, sondern irgendwie mitgerissen vom eigenen Talent.

Die Lust am Lernen zu wecken, das gelingt den Lehrerinnen unserer Schule vermutlich ganz gut. Und wenn am Ende die Schüler fähig sind, auch mal, nämlich wenn es drauf ankommt, gegen den Strom zu rudern, dann ist doch einiges erreicht. Und das „Evangelische“ unserer Schule? Das ist schon eher gegen den Strom. Aber im Religionsunterricht vom Petra Rattmann wird musiziert, gemalt, erzählt, gebastelt, gespielt. Da merkt man gar nicht, dass man lernt. Und nimmt doch viel mit. Ich merke es im Konfirmandenunterricht.

Ich wünsche der Schule viel Freude am Lernen und Unterrichten. Und wenn doch Mühe dabei ist, dass sie sich lohnt. Und allen eine schöne Ferienzeit!

Ihr Pfarrer Markus Böttcher

P.S. Unsere Gemeinde hat schon viel Geduld gelernt, was den Bau anbetrifft. Der verschiebt sich noch um einige Wochen. Wir werden darüber berichten. „Aber was lange währt, wird endlich gut.“ Dieser Spruch gefällt mir besser als der oben genannte.

Foto: Uwe Baumann