Auf ein Wort: Wachet und betet

Passionszeit

Meine Mutter zuckt mit den Schultern: Fasten! Ein großer Teil ihrer Schulzeit über war jedes Essen eine Kostbarkeit, etwas, das man niemals wegwerfen konnte, etwas, das man als Wurzel aus dem Garten ausgrub und kochte. Das Brötchen, dass einer in der Schule zusätzlich bekam, das Brot, dass die Mutter mit noch Bedürftigeren teilte, die Wurst, von der es nur eine Scheibe, die Schokolade, die es nur an Festtagen gab. Und alle Älteren haben immer noch die kleinen Weingläser im Schrank, die wir heute nicht mehr mögen. Für das eine Gläschen am Sonntag.

Idee des Fastens

Für uns etwas Jüngere ist das Fasten etwas anderes: Eine andersartige Empfindung, ein eigenartiger Körper-zustand. Gelebte Armut. Die geistliche Bedürftigkeit wird vom Körper geteilt, der Leib betet mit. Die Mönche wussten schon, warum. Die Franziskaner haben im Mittelalter Kanäle gegraben und Teiche angelegt (wie in Peitz), um ihren Fisch für den fleischlosen Freitag zu haben. Für die Idee des Fastens haben sie ganze Landschaften bleibend verändert. 
Die evangelische Kirche hat dann das Fasten aufgegeben. Evangelischer Glaube wollte auf Äußerlichkeiten verzichten. Jetzt holt sich unsere Kirche das Fasten zurück. Und muss es nun mit der „Gesundheitskirche“ teilen, die es längst als Wohltat für Leib und Seele entdeckt haben.

Raum für Sehnsucht

Wachet und betet, sagt der Rabbi seinen Schülern im Garten. Fasten ist das Gebet des Körpers. Macht Platz für anderes. Wer satt ist, wird müde. Ein voller Magen lässt wenig Raum für die Sehnsucht. 
Die Nachkriegsgeneration hat wenig zum Leben gehabt und war doch in anderer Weise reich. Das haben wir gemerkt, als sich im letzten November in unserer Kirche die alte Junge Gemeinde traf (70 Jahre Junge Gemeinde). Wir müssen für das Fasten keine äußeren Landschaften verändern, aber die innere Landschaft wird sich wandeln.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie die Passionszeit, die am Aschermittwoch, am 6. März, beginnt, als eine reiche Zeit erleben.

Ihr Pfarrer Markus Böttcher